Erster eletkrischer Aufzug, 1880.
 

 

Es muss ein regelrechtes Abenteuer für die Besucher der Mannheimer Gewerbeausstellung gewesen sein: Auf einer offenen Plattform fuhren sie an einem provisorisch errichteten Aussichtsturm in die Höhe, ohne den hierfür notwendigen Antrieb überhaupt sehen zu können. Erstmals bewegte ein elektrischer Motor einen derartigen „Lift“. Der Motor war an der Unterseite der Plattform angebracht und zog den Aufzug über ein Zahnradgewinde in die Höhe.

Entwickelt hat diesen ersten elektrischen Aufzug der Welt Werner von Siemens. Nachdem er 1866 das elektrodynamische Prinzip entdeckt hatte, galt seine ganze Aufmerksamkeit der Identifikation praktischer Anwendungsmöglichkeiten für diese neue Technik. Eine seiner berühmtesten Konstruktionen war die erste elektrische Eisenbahn, die 1879 anlässlich einer Berliner Industrieausstellung zur Freude der Besucher ihre Runden drehte. Weniger bekannt ist, dass – quasi als Nebenprodukt dieser Konstruktion – die Idee für den elektrischen Lift entstand. Im Juni 1879 schrieb der Firmengründer an seinen Bruder Carl: „Übrigens geht die Eisenbahn […] jetzt sehr schnell. In ca. 50 sec wird der Kreis von 270 Meter Bahnlänge durchlaufen, also ca. 5 Meter in der Sec. Die kronprinzlichen Kinder wurden gestern ganz bange. […] Vielleicht liesse sich noch eine andere Sache hinzufügen. Für Lifts und für Drehung von Drehscheiben pp. auf Bahnhöfen wäre die dyn. Maschine sehr geeignet.“

Der Elektropionier sollte bald Gelegenheit erhalten, diese Idee in die Praxis umzusetzen. Im April 1880 fragten die Organisatoren der „Gewerblichen & Landwirtschaftlichen Ausstellung des Pfalzgaus zu Mannheim“ bei ihm an, ob Siemens für ihre Ausstellung einen „elektrischen Aufzug“ konstruieren könne. Von Siemens nahm den Auftrag an und die Arbeiten begannen kurz darauf. Aber, wie bei Pioniertaten oft der Fall, dauerten sie länger als geplant. So wurde die Ausstellung zunächst ohne ihre größte Attraktion im Juli eröffnet. Erst Ende August 1880 konnte der Aufzug in Mannheim montiert werden. Werner von Siemens war erleichtert und schrieb an Carl: „Eben wird mir gemeldet, dass der elektrische Fahrstuhl gut geht! Hohe Zeit für die Ausstellung!“ Das Publikumsinteresse an dem Aufzug war gewaltig; von September bis Mitte November konnten über 8.000 Menschen das neue Transportmittel ausprobieren und den Blick über Mannheim genießen.

In der Folge überschlugen sich die Anfragen nach derartigen Aufzügen. Viele Hotels wollten ihren Gästen den Komfort der neuen Technik bieten, aber auch kuriose Wünsche wie die Herstellung eines „Tischlein-deck-dich“ wurden an Siemens herangetragen. Da in den Beständen von Corporate Archives einzig die Einrichtung des elektrischen Aufzugs auf den Mönchsberg bei Salzburg überliefert ist, scheint sich das Geschäft mit elektrischen Aufzügen – dem großen Anfangsinteresse zum Trotz – nicht zu einem nennenswerten Betätigungsfeld entwickelt zu haben.

Werner von Siemens war durch die erste Begeisterung für seinen elektrischen Aufzug stark motiviert, weitere Lebensbereiche zu elektrifizieren. So berichtete er seinem Bruder Wilhelm von dem großen Anklang des Aufzuges anlässlich der Ausstellung und verkündete: „Ich baue jetzt auch einen elektrischen Pflug von dem ich mir sehr viel verspreche.“ Doch das ist eine andere Geschichte…

15.09.2010 | Dr. Florian Kiuntke

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